Dreihundertfünfundsechzig
- Sarah Guhl
- 17. Sept. 2022
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 29. März 2023
Anfang 2021 stand ich eines morgens vor der Haustür meines Mannes, damals tatsächlich noch meines Freundes und klingelte mich um 7 Uhr in der Früh in seine Wohnung. Ich erinnere mich noch, dass er mich höchst verwirrt angeschaut hat. Mein Arbeitsweg führte zwar mehr oder weniger an seiner Wohnung vorbei, aber da er ja selber auch arbeiten musste, hatten wir uns unter der Woche vor der Arbeit noch nie besucht. Ich erinnere mich noch gut an seinen Gesichtsausdruck, als ich ihm den Test vors Gesicht hielt und ich erinnere mich an das Glück das mich durchflutete, als seine erste Reaktion ein intensiver Kuss war. Wir kannten uns tatsächlich noch nicht lange und natürlich hatte ich die Sorge, dass unser Kind unsere junge Beziehung beenden könnte. Aber der Kuss nahm mir diese Sorge. Zumindest diese eine Sorge. Damals wusste ich nicht, wie viele Sorgen eine Mama noch so haben kann. Und ich wusste natürlich noch nicht welche unfassbar vielen Glücksmomente eine Mama erleben darf.
Zwischen dem Tag des Teststreifens und des ersten Schreis unseres Sohnes lagen natürlich noch 244 Tage und auch einiges an Arbeit. Mit jedem Zentimeter mehr Bauchumfang, verringerte sich mein Bewegungsradius und auch Themen, wie Kreislauf, Müdigkeit und Rückenschmerzen machten es natürlich nicht unbedingt leichter. Habe ich schon von meinen Rückenschmerzen geschrieben? Heiliger Bimbam und Holy Moly! Die Erinnerung an diese vermaledeiten Rückenschmerzen verdränge ich dann mal wieder ganz bewusst. Ich weiß ja, dass verdrängen nicht gut ist, aber Verdrängung hat ja auch so ihren Sinn. So zum Beispiel im Falle meiner Rückenschmerzen. Warum sollte ich diese Aufarbeiten und darüber ein Buch schreiben. Verdrängung hilft hier schnell und unkompliziert.

Der Titel dieses wahrscheinlich etwas zu langem Beitrag ist ja 365 und daher werde ich jetzt mal anfangen mit meiner Erinnerung an die letzten 365 Tage mit meinem Sohn. Und diese Erinnerung beginnt nun mal mit seinem ersten Schrei. Wie in unseren Längen- und Breitengranden glücklicherweise so üblich, hört man diesen Schrei in der unnatürlichsten Umgebung überhaupt. Ich lag festgeschnallt auf einer stählernen Liege, in einem gekachelten und von Leuchtstoffröhren in kaltes und grelles Licht getauchten Raum. Einem unheimlich kalten Raum. Mein Sichtfeld beschränkte sich auf einen grünen Stoffvorhang und die Decke mit den kaltlichtspendenden Leuchtstoffröhren. Mein Unterleib fühlte sich so betäubt an, wie er halt war. Unsere geplante Badewannengeburt im Geburtshaus Düsseldorf hatte sich in Rauch und Schmerz aufgelöst und nach fast zwei Tagen Wehen, Schmerzmittel und viel Erbrechen mussten wir dann dem Rat des Personals folgen. Kaiserschnitt. Der erste Schrei von diesem kleinen weißen, verschmierten und hilflosen Wesen beendete dann meine Schwangerschaft und eröffnete das wahrscheinlich längste Kapitel in meinem Leben. Ich weinte und nach endlosen Minuten der Trennung, wurde mir mein Sohn auf meine Brust gelegt. Nicht mehr so käsig weiß und nicht mehr so verschmiert. Dieses kleine Wesen mit seinen wenigen Kilo lag auf mir und wusste damals noch nichts. Es schaute mich unter den OP-Decken nur an, ohne mich zu sehen. Es hörte meine Stimme, ohne mich zu verstehen. Aber die Nähe und Geborgenheit gaben ihm und auch mir Halt. Dieses kleine Es ist Konrad. Ich weinte und gab meinem Mann einen Kuss - mit der Bedeutung von noch mehr Liebe und Glück als 244 Tage zuvor.
Ab diesem Tag hat sich alles geändert. Konrad ist der Mittelpunkt meines Lebens. Die Dinge und Personen, die mein damaliges Leben bestimmt und beeinflusst haben, haben sich verschoben und sind in neue Umlaufbahnen eingetreten. Das System Sarah hat einen neuen Stern mit dem Namen Konrad. Um diesen bewegen sich in engen Umlaufbahnen mein Mann und meine Familie.
Diese neue Sonne in meinem Leben, um die sich alles dreht und mein Leben verändert hat, hat Geburtstag. Da in den vergangenen Tagen dieser immer näher rückte, habe ich mir vermehrt alte Fotos und Videos von diesem kleinen Wesen angeschaut. Aus dem Krankenhaus und den ersten Tagen bei uns. Von den ersten Momenten, wo wir als kleine Familie spazieren waren und das Sonnenlicht mein übermüdetes Gesicht scharf und erschöpft gezeichnet hat. Von ganz vielen Momenten, in denen der Kleine auf mir und auch auf dem Papa eines seiner Nickerchen hält. Ich sehe Bilder, die seine Entwicklung zeigen und mir klar machen, dass sich unser Sohn rasend schnell entwickelt und dabei viel mitmacht. Ich sehe Bilder, auf denen Konrad Kleidung von seinem Cousin und von meinem Patenkind (einer kleinen Dame) trägt. Ich weiß noch genau, wie die beiden in den Sachen aussahen und staune darüber, dass nun der kleine Körper meines Sohns in diesen Sachen steckt. Einige der Sachen konnte er nur einmal tragen, so schnell ist er gewachsen. Wie im Flug scheinen seine ersten Monate verflogen zu sein und während es im Dezember letzten Jahres für uns noch der Wahnsinn war, wenn Konrad auf dem Bauch liegend sein kleines Köpfchen heben konnte, so sehen wir auf den Bildern der letzten Monate unseren kleinen Wumms lachend, stehend und auf allen Vieren krabbelnd. Ein paar seiner Freundinnen und Freunde können schon die ersten Schritte gehen und auch mehr oder weniger sprechen. Im Hier und Jetzt gibt es nicht Schöneres, als Konrad dabei zuzusehen, wie er sich am Esstisch ernsthaft mit einer Kartoffel unterhält und über einen guten Witz ihrerseits lacht. In Momenten der Ruhe trauere ich aber all den anderen Momenten hinterher, die zu ihrer Zeit das Hier und Jetzt darstellten und so wahnsinnig schnell vorbei waren. Während Konrad heute klar und deutlich Näh Näh Näh Näh sagt, so habe ich fast schon vergessen, wie er sich als drei Wochen altes Neugeborenes auf meinem Arm anhörte. Damals waren die quietschenden Gluckslaute alles was es gab. Jetzt gehören sie der Vergangenheit an.
Auf unserem Esstisch habe ich Konrads Geschenke und einen Holzzug mit einer Eins drapiert und ich bin gespannt, ob und wie er auf seinen ersten Geburtstag reagiert. Die Girlanden hat er schon gesehen, aber nun gut. Irgendwann müssen diese ja aufgehangen werden und da er das Konzept "Geburtstagsfeier" vermutlich noch nicht vollständig durchschaut hat, ist das auch nicht so tragisch. Ich bin den ganzen Vortag in Vorbereitungen versunken und habe mich in der Küche ausgetobt und geputzt. Abends berichte ich meinem Mann, dass die ganzen Girlanden und diese ganze Vorbereitung mich an meine Geburtstage erinnern. Ich projetziere hier wohl eine Menge aus meiner Kindheit auf meinen Sohn. Aber warum auch nicht. Er soll sich in einigen Jahren ja auch auf seinen Geburtstag freuen. Um kurz vor Mitternacht und nach einigen Minuten des Ausruhen auf der Couch entscheide ich mich ins Bett zu gehen. Konrad schläft bis jetzt ganz gut und ich hoffe auf eine ruhige Nacht. Eine ausgeruhte Mama ist sicher gut, wenn der Sohn seinen 365ten Tag auf Erden feiern darf. Ich überlege, wo ich vor einem Jahr war: Im Kreißsaal, in den Wehen und nahm mein ständiges Erbrechen allmählig mit Humor und versuchte, mich in der Konversation mit Hebamme Magdalena abzulenken. Es zeichnete sich schon ab, dass Konrad für sich einen anderen Geburtsplan hatte als ich. Kurz nach Mitternacht wird es wohl gewesen sein, dass mein Mann und ich die letzte Möglichkeit wahrnahmen und durch kontrolliertes Beinkreisen meinen kleinen Schatz dazu bewegen wollten, seinen Dickkopf in die richtige Position zu bewegen. Vergeblich.
Dieser kleine Dickkopf hat übrigens vor einigen Tagen einer jungen Dame seinen ersten Kuss gegeben. So wie kleine Menschen halt küssen. Ohne Rücksicht auf Verluste, Patschehand auf den Kopf der Glücklichen gedrückt und die offenen Lippen auf die Stirn gelegt. Tatsächlich ganz rücksichtsvoll und sanft. Papa war stolz wie sonst noch wer und und alle umstehenden vergingen in Verzückung mit einem langgezogenem "Oooooooh!" Und ich kann es nicht fassen. Nach wie vor nicht. Dieser süße, anstrengende und liebenswerte Schatz ist mein Kind.
Und ich bin seine Mutter. Für immer.




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