Perspektiven (1)
- Sarah Guhl
- 26. Feb. 2023
- 3 Min. Lesezeit
Es ist schon erstaunlich. Ich bin eine Person, die sich eigentlich als recht aufgeschlossen und selbst reflektierend bezeichnet. Es war sicher ein harter Weg dahin und in meiner Vergangenheit gab es Ereignisse und Zeiten, in denen es mir echt nicht gut ging und in denen Reflektion so gar nicht mein Ding war. Aber mit der Zeit, vielen Tränen und einer Menge Geduld habe ich hier doch enorme Fortschritte gemacht.
So sitze ich - die Reflektierende - am Frühstückstisch, habe eine leere Tasse vor mir stehen und genieße ein wenig den schwindenden Geschmack des Cappuccino. Dabei beobachte ich meinen Sohn wie er durch das Wohnzimmer läuft. In jeder Hand eine Dose mit Nahrungsergänzungsmitteln. Einmal Curcuma. Einmal Calcium & Magnesium. Diese werden mal in einen Raum gebracht, mal in einen anderen. Manchmal in seine Kuschelecke und in regelmäßiger Folge neben mir auf den Tisch gestellt und dann unter großem Getue runtergeschubst.
Irgendwann sind die Dosen egal und das Auto ist von Interesse. Also so eins, wo Kind sich drauf setzt und mittels Fußantrieb vorwärts kommt. Und genau das macht mein Sohn nicht. Er setzt sich auf das Auto und fährt rückwärts. Da ich es ja schon "besser" weiß und den Sinn am Vorwärtsfahren durchaus verstanden habe und für sinn-voll erachte, versuche ich ihm beizubringen, vorwärts zufahren. Aber egal was ich tue, er stößt sich mit seinen kleine Füßen immer so ab, dass er rückwärts fährt. Und er hat Spaß dabei. Ich beobachte sein Gesicht und sehe diese Freude in seinen Augen ... und erkläre ihm wieder einmal das er vorwärts fahren soll. Die Freude in seinem Gesicht wandelt sich in etwas anderes. Er ist irritiert. Das wiederum irritiert mich. Warum fährt mein Sohn immer rückwärts und scheint keinerlei Ambitionen zu haben, das Auto nach vorne zu bewegen? Autos fahren doch normalerweise vorwärts. Also bitte. Dann muss das sein Auto doch auch!

Dann kommt es mir. Ich bin komplett gepolt. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Immer mehr, weiter, schneller. Wer nicht vorwärts kommt, der bleibt stehen. Stehen bleiben bedeutet scheitern. Scheitern ist keine Option. (Das dachte ich zu dem Zeitpunkt zumindest)
Was zur Hölle mache ich also gerade? Ich versuche meinem Sohn klar zu machen, dass das war er da gerade macht, falsch ist und das der einzig richtige Weg nach vorne ist. Das Rückwärtsfahren macht ihm offensichtlich total Spaß und ist aus seinen Augen sicher ein totaler Fortschritt. Ein totaler Sprung in seiner Entwicklung. Er hat gelernt, das Rad (in diesem Fall sind es vier) für sich zu nutzen. Ich hingegen sehe nur, dass er rückwärts fährt und denke mir: Das geht ja mal gar nicht. Ich weiß es besser.
Ich halte inne. Schaue diese kleinen Jungen schweigend an und mache erstmal nichts. Ich hocke dort und beobachte, wie sich das Auto langsam nach hinten bewegt. Nach einer Autolänge sage ich meinem Sohn, dass er das super macht und gebe ihm einen Kuss auf seine zerstrubbelte Haarpracht und mische mich nicht mehr ein.
Es macht ein leises "Pock" und das Auto mitsamt Fahrer kommt zum Stehen. Konrad bleibt sitzen, macht nichts mehr und sieht zufrieden aus. Ich weiß nicht was in seinem Kopf vorgeht, kann aber klar sagen, wie es in meinem Kopf gerade aussieht. Da ist eine dicke Wolke aus Schamgefühl. Ich schäme mich, dass ich meinem Sohn den Spaß an der Entwicklung und Bewegung vorenthalten wollte, weil das System, in dem ich mich bewege eigentlich nur Vorwärts kennt und ich genau dieses Vorwärts auf seine Fahrtrichtung bezogen habe. "Was bin ich doch dämlich und engstirnig", denke ich mir und muss dabei grinsen. Mein Sohn ist mittlerweile wieder abgestiegen und spielt wieder mit den Supplements. Ich beschließe, mir noch einen Cappuccino zu gönnen. Einen Cappuccino-der-Erkenntnis.
Warum lautet die Überschrift nun "Perspektiven (1)"? Naja, es geht halt um verschiedene Perspektiven und die Frage: "Habe ich gerade auch die Perspektive meines Gegenüber berücksichtigt, oder nur die meine?" Die "(1)" soll aussagen, dass es in den kommenden Wochen und Monaten sicher weitere solcher Momente geben wird, in denen ich von meinem Sohn oder von anderen Begegnungen lernen kann. Lernen kann, vor der Beurteilung einer Situation die Perspektive zu wechseln. Vielleicht einmal die Sicht des Gegenübers einzunehmen, sowohl bezogen auf sein eigenes Verhalten, als auch auf meins. Dabei werden sicher auch noch weitere spannende Erkenntnisse folgen. Aber für heute soll es das erst einmal gewesen sein.
Mein (1.) Cappuccinno-der-Erkentnis ist fertig. Er schmeckt wahnsinnig gut und und schenkt mir ein Lächeln.




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