Wieder so ein Morgen
- Sarah Guhl
- 27. Aug. 2022
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. März 2023
Es ist 5:15 Uhr und ich bin wach. Also nicht richtig wach. Mein Körper ist matt und noch im Halbschlaf und in meinem Kopf treten und kratzen sich Hirnhälfte links und Hirnhälfte rechts um ja nicht weg zu dösen. Mein Sohn hingegen ist wach. So wach wie ein kleiner 11 Monate alter Junge halt sein kann. Ihr kennt das sicher. Er brabbelt und lacht vor sich hin und klatscht dabei munter auf seinen Oberschenkeln herum. Kleine Babyoberschenkel mit viel süßem Speck, welcher, wenn er von kleinen knubbeligen Babyhänden beklatscht wird, super laut ist. Ein tropfender Wasserhahn ist nichts dagegen. Vor allem nicht so süß. Genau dieses "Süß" verhindert natürlich, dass mein Gehirn mich laut aufschreien und fluchen lässt. Ich liebe und vergöttere diesen kleinen Kerl und tief in einer der beiden Gehirnhälften (welche weiß ich gerade nicht) sitzt eine kleine Mama-Sarah und ist zutiefst verzückt von dem Gebrabbel und Geklatsche. Immerhin!

Ich tauche tief in mich ein und versuche mich zu entsinnen, ob ich in der Vergangenheit mit ähnlichen Situationen zu tun hatte und wie ich damals reagiert habe. Was habe ich in vergleichbaren Momenten gemacht? Welche Ressourcen und Erfahrungen stehen mir zur Verfügung? Was habe ich gemacht, wenn ich um 5:15 Uhr wach war? Die erste Antwort "weitergeschlafen" bringt mich nicht weiter. Ich fordere mein Gehirn auf, konstruktiv mitzuarbeiten. Die zweite Antwort gefällt mir schon besser: "Yoga und danach einen Kaffee". Ich entsinne mich und fast schon kann ich die Matte unter mir spüren und den frischen Kaffee riechen. Aber halt nur fast.
Der Kaffeegeruch wird langsam durch Windel ersetzt und das Gefühl der Matte sind in Wirklichkeit kleine Hände in meinem Gesicht. Neue Geräusche kommen dazu und die Hände verschwinden. Schubladen werden geöffnet, Dinge entnommen, ich höre das Rutschen der Wickelunterlage und geflüsterte Worte. Dann Ruhe. Ich schlafe sofort ein. Von wegen Yoga, Kaffee und Ressourcen aktivieren.
Um 9:00 Uhr wache ich auf. Aus einem gefühlten Koma. Vorsichtig bewege ich mich und erkunde meine Umgebung. Ich höre Geräusche. Ich betrete das Wohnzimmer. Mein Mann wischt den Esstisch ab und erklärt unserem Sohn ernst und bestimmt, dass es nicht hilfreich ist, wenn er (also der Sohn) sich beim Rausheben aus dem Sitz windet und seine Beine überall einklemmt. Mein Sohn sieht bedröppelt aus und hat wenig Verständnis für mahnende Worte. Das Gesicht meines Mannes kann ich noch nicht erkennen. Dafür aber das Chaos. In den vergangenen Stunden (in denen ich selig geschlafen habe :)) ist wohl ein kleiner Baby-Godzilla ausgebrochen und hat gewütet. Als mein Mann sich umdreht, bestätigt sich meine Vermutung. Auch er ist Opfer des Baby-Godzillas geworden. Dieser scheint wohl in der Lage zu sein, Honig-Melone zu werfen. Zielsicher ins Gesicht vom Papa-Godzilla. Der lächelt leicht (verzweifelt?) und wirkt auch müde.
Ich entsinne mich spontan dann, dass ich ja Ressourcen habe, welche ich aktivieren kann. Yoga klappt in dem Chaos nicht. Aber Kaffee geht auch zwischen Bauklötzen und Kuscheltieren.












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